Digitale Sucht – Gefahr neuer Medien?

Sucht kann man etwas nennen, das man nicht nur nicht mehr unter Kontrolle hat, sondern von dem man kontrolliert wird. Viele sind süchtig nach ihrem Mobiltelefon, genauer gesagt: Nach sozialen Medien/Netzwerken, davon, das eigene Leben narzisstisch und exhibitionistisch in die Welt zu schicken. Man fühlt sich lebendiger, wenn man gesehen wird. Ob das virtuell ist oder nicht, spielt keine Rolle. Wenn man zu allem und jedem seine Meinung kundtut, fühlt man sich wichtig, vor allem aber kann man sich die eigene Meinung durch ihre Veröffentlichung bestätigen. Man sieht, dass andere mögen, was man selber mag. Auf diese Weise ist die digitale virtuelle Welt eine ständige Bestätigung für die eigene Identität. Man wird (mehr oder weniger) wahrgenommen. Das macht süchtig, oder besser gesagt: Davon sind wir ja schon von Kindheit an abhängig.
Jetzt gibt es einige, die auf diese Entwicklung kritisch blicken. Kulturpessimisten schlagen Alarm: Durch die neuen Medien „kommen wir uns selbst abhanden“.

Das ist durchaus eine Betrachtung wert. Ich lasse mal die physischen Gefahren außen vor: Elektrosmog, Gefahr durch Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr und dergleichen.
Kritisiert wird in aller Regel, dass der direkte Umgang mit anderen und das direkte Erleben der Welt immer mehr verschwindet, weil wir die Welt zunehmend nur noch durch Bildschirme wahrnehmen.

Hier liegt ein oberflächlicher Denkfehler vor. Denn einen „direkten Umgang“ und ein „direktes Erleben“ gibt es überhaupt nicht und gab es noch nie. Jeder nimmt die Welt schon immer durch seine Sinne wahr und setzt diese Informationen zu einer Welt im Kopf zusammen, die wir dann „die Realität“ nennen. Die Wahrheit ist, dass es überhaupt nur virtuelle Realitäten gibt. Dies liegt in der Natur unseres Geistes. Die einzige „echte“ Realität ist das Bewusstsein. Wer glaubt, dass er sein Gegenüber am Frühstückstisch da drüben in zwei Meter Entfernung wahrnimmt, unterliegt einer Täuschung seines Gehirns. Die visuelle Wahrnehmung findet ausschließlich in der Sehrinde statt, die sich im hinteren Teil des eigenen Kopfes befindet. Analoges gilt die anderen Sinneswahrnehmungen. Das bedeutet, dass die virtuellen Realitäten sozialer Medien, das Mobiltelefon, der PC, der Fernseher nichts Wesentliches ändern, sie erweitern nur die Virtualität, die sowieso schon vorher da war. Das Geschichtenerzählen, die Erfindung des Buchdrucks, Theateraufführungen sind genau dasselbe.

Die Gefahren gibt es aber trotzdem. Und auch sie sind so alt wie der Mensch. Das sind die Geschichten, die wir uns selber über die Welt, über die anderen und über uns selber erzählen. Die eigentliche Gefahr, wenn man es so nennen will, beginnt, wenn man etwas davon für wahr hält und sich damit identifiziert. Und dann entstehen – ganz egal, ob das von Angesicht zu Angesicht oder in einer hitzigen Forumsdiskussion geschieht – genau dieselben Prozesse wie immer schon: Ärger über die Blödheit oder Aggressivität des anderen, Zuneigung und Wertschätzung wegen der Freundlichkeit, Zustimmung und Aufmerksamkeit des anderen …
Die digitale Sucht ist deshalb nur eine andere, letztlich konsequent weiter entwickelte, Form der bereits vorhandenen menschlichen Verrücktheit, nämlich für real „da draußen“ zu halten, was ausschließlich im Kopf konstruiert wird.

Die Menschen, die in ihrer Trance auf ihre Geräte schauen, ganz versunken in ihren Chat, ihr eBook oder ihr Spiel, scheinen nicht ganz in der Gegenwart zu sein. Dasselbe galt aber auch schon 1980 für die, die ihre Zeitung lasen oder mit Gedanken an irgendwelche Sorgen aus dem Fenster schauten, sie waren nicht in der Gegenwart – oder für diejenigen, die im Jahre 1450 fest von der Existenz einer Hölle überzeugt waren und sich vor nichts mehr fürchteten als vor der Frau von nebenan, die womöglich eine Hexe ist.

Im Gegenteil liegt in den digitalen Realitäten eine große Chance für die Entwicklung des Bewusstseins! Früher gab es auch schon „Fake-News“, aber jetzt beginnt sich ein breites Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie leicht man von Geschichten und Fotos an der Nase herumgeführt wird. Die Menschen hinterfragen viel selbstverständlicher die dargebotenen Informationen, prüfen die Quellen und beginnen selber nachzudenken. OK, das geht auch manchmal daneben. Aber auch das ist bekannt: Für manch einen muss es erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. (Anspielung auf das verengte Bewusstsein der Verschwörungstheoretiker, die sich tranceartig in die absurdesten Realitäten verstricken.)

Digitale Medien und die damit verbundene Sucht treiben auf die Spitze, was sowieso schon immer da war und schaffen auf diese Weise eine Chance dafür, dass die Menschen die Virtualität ihrer bisher für real gehaltenen Welt erkennen und ihr Bewusstsein auf diese Weise weit werden lassen.

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