Ärger

Es gibt Momente im Leben, in denen der innere Frieden und die Seelenruhe sich in Ärger verwandeln. Es kommt vor, dass man dann glaubt, dass der Ärger ein Fehler ist, oder ein Zeichen dafür, dass man kein guter Mensch sei. Oder man glaubt, dass schon wieder ein neurotisches Muster aktiv wird, von dem eigentlich gehofft hatte, es sei verschwunden. Oft ärgert man sich über sich selber, weil man sich ärgert oder gibt dem anderen, über den man sich ärgert, die Schuld daran, dass man sich ärgert und ärgert sich doppelt und springt hin und her zwischen dem, was tatsächlich passiert ist und diesem ganzen Meta-Ärger – immer hin und her.

Es ist tatsächlich ein Fehler, am Ärger festzuhalten, denn damit vergiftet man sich nur grundlos selber. Der Ärger selber ist jedoch kein Makel, denn du bist nicht verantwortlich für deine Emotionen, die unwillkürlich aus den Tiefen deines Unbewussten hervorschießen. Darüber hast du genau so wenig Kontrolle wie über die unwillkürlichen Gedanken und Vorstellungen, die durch dein Bewusstsein geistern. Du bist aber verantwortlich dafür, ob du am Ärger festhältst oder nicht. Sich zu ärgern ist deshalb weder ein Zeichen für Unreife noch für Schlechtigkeit sondern nur dafür, dass in deiner Person ein Widerstand gegen das existiert, das gerade passiert ist. Vielleicht war es eine echte Ungerechtigkeit, vielleicht auch nur etwas Belangloses. Vergiss dabei nicht, dass alles, was passiert – auch der Ärger – nur Elemente eines Schauspiels sind. Es ist deshalb in Ordnung, wenn du mitspielst, denn das ist das Leben.

Viele „Spirituelle“ (mit Absicht in Anführungszeichen) glauben, dass sie all ihre Widerstände überwinden müssten und empfinden jeden Ärger als einen Rückfall in alte Muster. Es ist möglich, dass das ein psychisches Muster ist, aber all das spielt sich nicht in der Tiefe des Seins ab, sondern ist nur ein oberflächliches Geschehen. Solange du einen Körper hast und in der Welt lebst, hast du auch eine Oberfläche und Emotionen, und solange hast du auch psychische Muster. An psychischen Mustern ist natürlich nichts Falsches, selbst wenn sie sich falsch und unangenehm anfühlen. Ärger ist nicht falsch, aber man kann falsch mit ihm umgehen, indem man ihn inhaltlich für korrekt hält. Eine kurze Phase von zielgerichtetem Zorn ist heilsam und kann Stress abbauen, selbst dann, wenn der Zorn ungerechtfertigt und zum Beispiel nur Ausdruck von Angst ist. Ausschlaggebend ist, dass man sich nicht damit identifiziert und nicht weiter daran festhält, sondern dass man ihn benutzt, um besser zu verstehen, wie die Person funktioniert, die sich im Laufe der Jahre um dein Selbst herum angesammelt hat. Du bist nicht identisch mit dieser Person.

Dein Ärger kann – weil es nur ein Schauspiel ist – bis zu einem gewissen Grad auch anderen zugemutet werden. Aber werde nicht süchtig danach und lasse dich durch ihn möglichst nicht zu körperlichen oder verbalen Gewalttaten hinreißen. Das Letzte kann nur passieren, wenn du dich mit dem Ärger identifizierst, an ihm festhältst und süchtig danach geworden bist, anstatt zu sehen, dass es nur ein Sturm im Wasserglas ist, der ganz von allein angefangen hat und auch wieder ganz von allein zur Ruhe kommt, außer man rührt immer wieder darin herum.

Es kann helfen, wenn man aktiv sich und anderen vergibt, um loszulassen, was man länger als notwendig festgehalten hat. Das Vergeben hat jedoch keinen Wert an sich, es ist ebenfalls nur eine Krücke. Denn in einem tieferen Sinn gibt es keine Schuld, die vergeben werden muss.

Es stimmt nicht, dass der innere Frieden sich tatsächlich in Ärger verwandeln kann, denn der innere Frieden ist unzerstörbar. Weil Ärger eine heftige und unmittelbare Emotion ist, fühlt es sich nur so an.

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar